Virtuelle Schublade für Bilder, Gedichte, Geschichten, Links und Zeug. Impressum: Rolf Menrath, Scheffelstr. 28, 47057 Duisburg, D
Mittwoch, August 22, 2012
Radschüttel
Ich such nach einem Schattenplatz
für meinen völlig platten Schatz.
Ihn schmerzen seine Reiterwadeln,
er kann so nicht mehr weiterradeln.
Man müsste einen Bus finden,
er möchte sich den Fuß binden.
Doch heißt es also: “Weiter, Herden”.
Das kann ja noch heiter werden.
Der moderate Taliban (Remix)
Wie jeden Morgen fährt der moderate Taliban
mit dem Jihad 500 ins Büro. Er trägt
den feschen Turban Marke Ali Boss,
und träumt vom neuen Mahmud-Benz-Coupe.
Sein Job ist schwer, er soll aus tausendeins Verboten
fünfhundertundeinhalbes machen, dabei keines ändern.
Zum Mittagessen gibt es Dialog mit Reis,
Europa kommt vorbei. Der Rest ist für die Frauen und die Kinder.
Natürlich dürfen Muttis lesen. Den Koran
gibt es im Dünndruck auch für Damentäschchen.
Die jüngste Tochter könnte manchmal in die Schule gehn,
wenn sich denn eine fände, die nicht gerade brennt.
Man köpft in Zukunft halb und hängt ein wenig auf,
mit Kieselsteinchen wird ab jetzt geworfen.
Die Viertfrau soll zumindest dreizehn sein,
man ist ja schließlich ziemlich moderat.
Am Abend dann ein Pfeifchen Grass,
ein Gläschen Scholl-Latour und vor der Bettzeit noch
ein Tässchen Käßmann-Tee.
Das renkt sich alles ein, ihr werdet es noch sehn.
Manche Leute haben echte Probleme
Mein Zahnarzt hat mir das Gebiss vermessen
und dabei die ganze Zeit davon geredet,
wie Tee und Kaffee, Rotwein, gutes Essen,
besonders süßes, saures, jeden, aber jeden
Zahn im Lauf der Jahre aus dem Garten Eden
treibt und wie die Höhe solcher Schäden
ihn zur Verzweiflung bringt:
Da kann man die Sanierung oft auch ganz vergessen!
Und wie er abends müde, grußlos, mit dem Tagesärger ringt.
Nachrichten aus der Zukunft
Gün/Der Tag
Duisburg, 22.04.2034
Von unserem Korrespondenten Moustapha Al-Schmitz
Bundeswehr stellt Ordnung her
Nachdem es in der letzten Woche während des Aufgrillens im Böninger Park zu Handgreiflichkeiten kam, als sich vermehrte Beschwerden wegen der Verbreitung von Schweinsmolekülen erhoben und sich handgreifliche Auseinandersetzungen über das gesamte Stadtgebiet verbreiteten, kam es gestern früh gegen 11:11 zu erheblichen Ausschreitungen, den so genannten Grillaufständen. Eine bisher unbekannte Gruppe namens Barbeque-Bandidos, unbestätigten Meldungen zufolge eine Unterabteilung der berüchtigten Grill-Guerilla, stürmte plündernd und brandschatzend das Rathaus. Der Oberbürgermeister Muhammad Haji Sauerland konnte der aufgebrachten Meute nur durch einen Sprung aus dem Fenster seines im ersten Stockwerk gelegenen Büros entkommen, wobei er sich eine ernste Bartverletzung zulegte, welche in der Düsseldorfer Uniklinik behandelt wird. Er befindet sich außer Lebensgefahr.
Ein geplantes Schweinenackenattentat auf den Kalifen von Marxloh, Mehmed Meyer-Menderes, konnte durch ein beherztes Eingreifen der neugegründeten Abteilung zur Niederhaltung abweichenden Verhaltens beim Sonderministerium in letzter Minute abgewendet werden. In einem durch die vermutlichen Täter angemieteten Lagerhaus wurden zahlreiche abgelaufene Würstel, Kottelettes, Bauchspeckgürtel und mehrere Fässer voll Schweinsgülle sichergestellt, die zur ordnungsmäßigen Vernichtung den zuständigen Ämtern übergeben wurden. Es bestand deren Angaben zufolge zu keiner Zeit eine Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung.
Nach ernstzunehmenden Ankündigungen der autonomen "Duisburg in den Rhein"-Aktivisten, die damit drohten, Deiche zu sprengen und sämtliche tiefergelegenen Gebiete den Fluten zu überantworten, besetzte gestern die dritte Brigade des Heimatschutzheeres wichtige Knotenpunkte und schritt zu ersten Verhaftungen. Sämtliche Rädelsführer seien aus dem Verkehr gezogen, verlautete es aus gewöhnlich zuverlässigen Kreisen. Unbestätigt sind Meldungen, nach denen es zu rätselhaften Selbstmorden gekommen sein soll, vermutlich handelt es sich um Opfer der gemeinen Schweinepestilenz A.
Der Erzpräses der ök(o)umenischen Kirche Rheinruhr, Martin(a) Paulus-König, rief zu Ruhe und Besonnenheit auf. "Wir müssen uns verändern, um den Anderen aus seiner Andersartigkeit zu befreien", erklärte er während einer Pressekonferenz in der Imam-Salvator-Kirschee. "Toleranz ist gerade auch und besonders wichtig da, wo es um kritisches Hinterfragen und, besonders wichtig, Verändern von eigenen Dogmen, Vorstellungen und Verhaltensweisen geht. Grenzen zu setzen grenzt immer auch irgendwie ein oder aus."
Erste Maßnahmen der zuständigen Behörde zur Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung, zur Verhinderung des Lasters und zur Aufrechterhaltung der Tugend beinhalten: Kennzeichnung von Stätten, Personen und Transportmitteln des Umgangs mit Sus scrofa domestica, insbesonders Produkten, Derivaten, Atomen und Molekülen solchselbiger in Verbindung mit Zucht, Mast, Schlachtung und Inverkehrverbringung sämtlicher Produkte, Derivate, Atome und Moleküle oben genannter mittels geeigneter Verfahren. Speziell ist das dem Verzehr der Produkte dienende sogenannte "Grillen" und "Braten" der im Bundesgesetzblatt 13/22-A-15 näher bezeichneten Bestandteile dienende Verfahren des geruch- und rauchlosen Herstellens verzehrfähiger Bestandteile von Haus- und wildschweinen vermittels des patentierten Rauch- und geruchlosen Verfahrens zur hitzebezogenen Zubereitung schweinischer Produkte in geschlossenen Schutzräumen anzuwenden, besonders unter Berücksichtigung einer energieschonenden Vorgehensweise.
Die amtierende Vilayetkanzlerin Ayshe Brandkohl gab in einem Kurztwitterview mit dieser tweetschrift ihrer Hoffnung Ausdruck, dass nun "aller Zwietracht ein Ende bereitet sein möge und Diskriminierung, Vorurteile und das Streben nach Ungerechtigkeit und Bevormundung ihren Platz in der zuständigen Mülltonne der Geschichtsschreibung finden werden."
Montag, August 20, 2012
Zum Geburtstag
Schenkt mir bitte keine Blumen,
schenkt mir lieber ein Gewehr,
noch dazu ein paar Granaten,
Feldhaubitzen, Hacke, Spaten
und dann wünsche ich mir sehr,
ach, was soll der Geiz, ein Heer
gnadenloser Friedenmacher.
Diese Welt ist ungerecht,
nur Gelaber und Geschacher
und den Falschen geht es schlecht.
Die Fairordnung lautet nun,
jene künftig zu fairtreiben,
die, fairteilend, nur fair tun
(wer fairhungert, darf fairbleiben).
Doch die, die sich im Ungefair fairstecken,
sollen fairdursten und fairrecken.
Samstag, August 11, 2012
Sex-App
Ich hab mir gleich die neue Sex-App aufs Gerät geladen,
es bebt der Sessel und es zucken Waden.
Doch kurz vorm Höhepunkt verlischt das Licht:
Es hält der Akku nicht, was der Prospekt verspricht.
Auch weiß ich nicht, wie man verhindert,
dass eine etwaige Schwangerschaft die Freuden mindert.
So habe ich mein Smartphone eingetütet,
was wiederum ein Feuchtgefühl verhütet.
Man wird mich wohl dereinst vor einem kleinen Bildschirm finden,
mit tauben, blutenden und blinden
Daumen, Fingerspitzen:
Verschied im Bette nicht, verstarb im Sitzen.
Sex sells
Saugt der Alte an der Fluppe?
Sie kocht Beates Gummipuppe.
Ist der Gatte mal nicht willig,
Lidl hat die Gurke billig.
Zeigt die Gemahlin keine Lust,
kauf dir bei Aldi Putenbrust.
Versagt im Bett stets der Gemahl?
Finde Ausgleich bei Real.
Hat sie gar nichts mehr in petto?
Schlummertrünke gibts bei Netto.
Das Kaufland bietet ihm und ihr
nachhaltige Kaufplaisir.
Dienstag, Juli 31, 2012
Vom Balkon
Die Sonne sengt sich durch den Sonnenschirm,
das Männertreu ganz vorne auf der Brüstung hat gelitten unterm Dauerregen
und Hummeln stürzen sich gleich Kamikazefliegern auf Cosmeen.
Die Löwenmäulchen haben einen höchst subtilen Duft.
Man muss schon nahe rangehn mit der Nase,
dann sieht man, wie Marienkäferlarven der Blattlaus ihre Existenzberechtigung entziehn.
Die Hähnchenschnitzel für den Grill sind fertig mariniert, nur noch ein wenig Koriander, Schnittlauch, Petersiliengrün für den Salat.
Es gibt gekühlte Bionade, Fassbrause oder reinen Wein ins Glas
und keine News zur vollen Stunde aus Aleppo und Athen.
das Männertreu ganz vorne auf der Brüstung hat gelitten unterm Dauerregen
und Hummeln stürzen sich gleich Kamikazefliegern auf Cosmeen.
Die Löwenmäulchen haben einen höchst subtilen Duft.
Man muss schon nahe rangehn mit der Nase,
dann sieht man, wie Marienkäferlarven der Blattlaus ihre Existenzberechtigung entziehn.
Die Hähnchenschnitzel für den Grill sind fertig mariniert, nur noch ein wenig Koriander, Schnittlauch, Petersiliengrün für den Salat.
Es gibt gekühlte Bionade, Fassbrause oder reinen Wein ins Glas
und keine News zur vollen Stunde aus Aleppo und Athen.
Dienstag, Juli 17, 2012
Endlich nichtdichter
So mancher denkt, er wäre nicht mehr knusper,
(nicht er, nein der, auf den sich dieses hier bezieht),
doch mir gefallen seine alten Muster.
Ich mag den Bastard billig und gemein,
auch wenn er nicht ganz sauber ist,
der kleine Reim.
Ave, canis
Das menschlich-allzumenschliche ist eitel,
so greift er Hammer sich und Beitel,
graviert der Menschheit in den Scheitel:
So ging das nicht und geht das niemals weiter!
Er leidet nicht an solchen Tagen gleich dem Hund,
er frisst sich an der eigenen Distanz gesund
und scheint die Welt auch noch so kunterbunt:
Er war und ist und wird gescheiter.
Freitag, Juli 13, 2012
Nachhaltige Finanzpolitik
Runter auf die tiefsten Sohlen
fährt der Wolfgang, Kohle holen.
Fleißig macht er Loren voll,
schneidet, kratzt und hackt wie toll.
Sechzehn Tonnen sind sein Soll.
Euroabbau ist sein Leben -
drohend knistern morsche Streben.
In Schacht achtzehn, zwischen Hammel=
sprüngen und Gegammel
alter D-Mark wächst der Bammel.
Denn die Lage untertage
ist marode, keine Frage.
Soll "Glück auf" sich weiter lohnen,
braucht es viel an Subventionen.
Keinen wird die Krise schonen.
Und so fährt der alte Kumpel
mit dem Aufzug, pumpelrumpel,
in sein Flöz und rumpelpumpel,
rollt er vorwärts. Schaben, schaben,
dass wir reichlich Euro haben.
Grus Grus
Der Kranich sprach zur Krandu: hier,
nimm diesen Ring. Dann heißt's Kranwir.
Die Holde sprach: Mein lieber Mann,
ich bleib doch lieber Solo-Kran.
Donnerstag, Juli 12, 2012
Latte
Wir sitzen rum und trinken Latte,
der schmeckt, als ob ihn schon mal einer hatte
und klicken uns ums Erdenrund.
Wir süßen blonden Prinzen und Prinzesschen
verdienen unser Esschen
mit irgendwas mit Medien und dem Mund.
Wie viele Feinde hast du bei Facebook?
Wer hat deinen Blog zerhackt?
Boykottiert man dich bei Twitter?
Sieht man dich auf Myspace nackt?
Schmeißt das Smartphone in den Hafen,
kleinen Gräfinnen und Grafen
steht ein Leben zu, ein Wert, dafür zu sterben
und heroisch in den Untergang zu gehn.
Natürlich sind Bilanzen schwierig zu verstehn:
Da müsste erstmal einer etwas haben, es zu erben.
Festival
Heut abend spielt beim Summerjam
der Reggaekönig Jammer-Sam.
Es singt der weise Rastamann
den Superhit “Run, Masta, run”.
Man soll uns rauchen lassen Weed,
dann rufen wir: "Mann, wassen Lied!"
Samstag, Juni 02, 2012
Die Müslibruderschwesternschaft tagt
Ein Heiopei von Occupy trägt seinen Sermon vor,
von dem man nicht ein Wort versteht, denn draussen johlt ein Chor.
Abgetakelte Fregatten, die gestern noch Schwestern waren,
liegen sich in ihren artgerecht gefärbten Haaren.
Und an der Resterampe lungert ein Rudel zerlumpter Gestalten.
Die Kommunarden verwalten vergesellschaftete Unterhosen
Punkt zehn Uhr. Danach verlosen wir das richtige Bewußtsein
zum kostenlosen Download auf gung-ho.de und reiten Schein=
ättäckchen mit roten Bäckchen in kompostierten Jäckchen.
Denn der Planet hat immer Recht und die Natur macht keine Fehler,
der Wähler fordert Betreuer für Betreuer für Betreuer und das
kommt reichlich teuer. Doch mit der Barfußdenkersteuer
steuern wir entgegen, erneuern wir, wogegen wir immer schon waren.
Es wird schlicht alles, was schlecht ist, verboten,
Gedanken werden renaturiert. Wir hobeln, schnibbeln, schroten,
bis das Sauerkräutlerbewußtsein regiert.
Donnerstag, Mai 31, 2012
Nachhaltiger Tourismus
Der Bär verlangt nach Bullrichsalz,
sein letzter Gast steigt hoch im Hals.
Entrüstet flieht der fromme Hai,
hast du kein Badezeug dabei.
Gern sind im Wüstensand gelitten
Touristen, vom Kamel geritten.
Wer Köpfe jagt, der braucht kein Geld,
nur, dass man seine Welt erhält.
Ist dir der Fortschritt oft zu kalt?
Verkompostier im Regenwald.
Mittwoch, Mai 30, 2012
Dienstag, Mai 29, 2012
Relativ (Egg by Ry)
Normal geht das im Leben schief,
was schiefgehn kann.
Dann sagt man sich: Ist relativ.
Und hebt den Kopf aus seinem Tief
und macht sich umso stärker dran.
Normalerweise geht was schief.
Man möchte toben, schreien, rief
am liebsten wo ganz oben an.
Dort sagt man nur: Ist relativ
gesehen überall der gleiche Mief.
Ob man in Marxloh wohnte oder Cannes -
Normal geht jedes Leben schief.
Ob man nun wachte oder schlief,
bescheiden war, auf Rache sann:
Das bleibt doch alles relativ.
Steht man zum Schluss vor seinem Chief
und fragt ihn: Machst du, Alter, Lan?
Sagt er: Normal geht jede Schöpfung schief,
doch ewig bleibt das relativ.
Montag, Mai 28, 2012
Auferstanden als Ruinen
In der Fabrik für krumme Nägel ruht die Produktion,
die Löhne sind rostig geworden.
Man trägt wieder kopflos unter dem Hut,
mit den Händen der Zeit am Hals.
Abreißerbanden beherrschen das Stadtbild,
sie schaffen eine neue Ordnung:
Hier gibt es Geld für nichts und bald auch
nichts fürs Geld.
Wir greifen ab und zu, weil es uns zusteht
brennt die Post ab, Gemütlichkeit im Minenfeld.
Ein Feuerwerk der Wut im Siechenhaus,
schlaflose Tage für ein Supermarktregal.
Die Geisterfahrer geben Widerworte -
ihr seid alle auf der falschen Spur
und denkt mit leerem Tank.
Egal

Ich wisch dem Bluthund seinen Arsch
mit rotem Hering aus der Spur.
Nur ungefähr entkommt ein ungenanntes Grauen.
Nun will ich bauen in ein etwas
vages, jawohl, ich wag es,
zu zimmern hoch und breit und lang.
Ich bin nicht bang
vor Missgefallen. Nur
verzeih ich keinem, der kein Verständnis
zollte, er möchte sich mehr Mühe geben.
Er könnte sich erheben,
denn was entstehen sollte
und was ich oder nicht wohl sagen wollte:
Erschütterung bewirkt kein Beben.
Mittwoch, April 04, 2012
Darüber ist Herr Grass sich selber nicht gewachsen
Günter hat Meinung wie andere Fieber,
mit letzter Feder spritzt er Tinte zum Poem.
Es nagt in seinem Innersten, wie am Baume der Biber,
die Wahrheit und die ist niemandem bequem.
Oh Zion, hör auf Günter und höre auf zu existieren,
weil er nur dann in Ruhe trauern will und kann.
Ja, muss denn erst was schreckliches passieren?
Seht, wie er leidet. Der arme Mann
kennt sich mit Blut und Boden aus,
er hat schon mal daran gerochen.
Und frisch gestrichen strahlt das alte Lügenhaus
und fruchtbar ist der Runzelsack, aus dem sie krochen,
die ewigen Freunde. Wer solche hat,
der jage sich gleich selbst ins Meer.
Dann nimmt der Günter sich ein neues Blatt
und schreibt darauf noch mehr und mehr und mehr...
Brief an die Eltern 1
Liebe Mami, lieber Papi,
danke für euren Brief von letzter Woche. Die zehn Euro kann ich gut gebrauchen, ich werde mir davon ein halbes Brot kaufen. Jetzt erschreckt bitte nicht, aber ich habe das Studium abgebrochen. Die Aussicht, die nächsten fünfzig Jahre Deutsch als Fremdsprache für Deutsche zu unterrichten, hat mich doch zu sehr deprimiert, auch weil es kaum mehr ein Zielpublikum gibt. Dennoch sind die sechs Semester nicht in den Sand gesetzt, sie haben mich befähigt, den Aufnahmefragebogen zur Ausbildung als staatlich geprüfter Vollbefugter derart fehlerfrei auszufüllen, dass ich eine Lehrstelle bekommen habe. Gut, ich werde die nächsten Jahre wenig verdienen, aber ich habe einen Platz im gesicherten Wohnen erhalten, werde vollverpflegt (kein Vergleich mit deinem Essen natürlich, Mami) und darf fast unzensiert im Zwischennetz surfen. Die medizinische Versorgung ist ausgezeichnet, wir werden täglich untersucht. Ich darf sogar weiter e-Joints rauchen.
Die Kameradschaft ist ausgezeichnet, ich habe schon einen Freund, Kevin Öztürk. Ich verbessere sein Deutsch, er mein Türkisch und abends spielen wir e-Tennis oder gehen in die I-Bar auf einen e-shake (keine Sorge, Mami, natürlich -L). Wir sind bislang die besten im Kurs "Wertstoffermittlung und Rückführung in den Wirtschaftskreislauf", ein geniales Programm. Wir begleiten als Kaumbefugte die Vollbefugten Ermittler bei Hausbesuchen. Hierbei werden im Haushalt befindliche Edelmetalle festgestellt, bewertet und eingesammelt. Die Besitzer erhalten ein Zertifikat, behalten dürfen sie je einen Ehering und ein Stück persönlichen Schmucks. Die personalisierten Zertifikate sind unbegrenzt gültig, nicht beleihbar und nicht verkäuflich. In persönlichen Notsituationen können die Bürger Anträge auf Rückgabe stellen, aber da es keinen offiziellen Markt mehr gibt für Edelmetalle, wird diesen nie stattgegeben.
Dies dient dazu, ungerechte Anhäufungen von Werten zu verhindern. Der Staat beleiht die eingesammelten Stoffe und finanziert damit das neu aufgelegte Betreuungsprogramm. Eine Hälfte der Bevölkerung betreut die andere, ein mal im Jahr wird gewechselt. Ihr könnt euch vorstellen, dass dies immense Geldmittel erfordert, darum ermitteln wir auch Aktien, Bargeldbestände und sonstige Wertgegenstände und verbringen diese in zentrale Sammelstellen, auch dies gegen Aushändigung von Zertifikaten und Berechtigungsscheinen zum Bezug von Barmitteln. Die meisten Bürger sind kooperativ, aber ihr könnt euch nicht vorstellen, wie renitent einige Zeitgenossen sind. Wir rufen dann das Kommando zur speziellen Befragung aus dem Bus vor dem Haus, die haben bisher noch alles herausgefunden. Für mich wäre das nichts, die Kollegen sind etwas ungehobelt.
Wenn es demnächst bei euch schellt, wisst ihr also Bescheid. Ihr könnt stolz sein, an diesem Programm mitzuwirken und unser Gemeinwesen zu stärken. Ich habe herausfinden können, dass eure Straße nächste Woche an der Reihe ist.
In meiner Freizeit habe ich noch einen Job als Vertreter für Versicherungen gegen Demenz, äußerst einträglich. Die Prämien sind moderat, allerdings habe ich inoffiziell erfahren, dass noch kein Versicherungsnehmer die zugesagten Leistungen angefragt hat. Ein wenig merkwürdig finde ich das schon, aber alles ist legal und wenn ich weiter so gut verdiene, kann ich mir bald ein e-bike leisten und eine Lizenz zur Benutzung staatlicher Straßen. Dann komme ich euch sicher besuchen.
Bitte grüßt Omi auch ganz herzlich und sagt ihr, dass ich inzwischen 24 und ausgewachsen bin und von daher der Pullover, den sie mir gestrickt hat, ein wenig zu klein geraten ist. Ich habe ihn der staatlichen Kleidervergabestelle zukommen lassen. Und fragt sie bitte, ob sie sich nicht gegen Demenz versichern lassen möchte. Ihr vielleicht auch?
Ich küsse und drücke euch herzlich,
euer Sohn Heinz-Ali.
Eine Woche im Leben von...
Montags ist der Vollidiot für ein Industrieverbot.
Dienstags ist er gegen Jetten, Autofahren, Zigaretten.
Mittwochs hört man ihn skandieren: Böse ist das Konsumieren!
Donnerstags, spätabends noch, trillert er am Baggerloch.
Freitags sieht man ihn auf Bäumen wütend schäumen,
Samstags demonstriert er gegen das und dies. Das Paradies
findet Sonntagsmittags statt, wenn er Protestversammlung hat.
Es müsste ihm doch irgendwie gelingen, die anderen zu seinem Glück zu zwingen.
Abonnieren
Posts (Atom)





















