Mittwoch, Februar 20, 2008

Freie Wahl



Strassen in warmem Sonnenlicht, die Trottoirs gepflastert mit polierten, perfekt zugeschnittenen Platten aus Granit. Eine fröhliche Menschenmenge in maßgeschneiderten Kostümen und passenden Anzügen, viele tragen Tüten mit farbenfrohen Aufdrucken. Die Schaufenster zeigen die neuesten Kreationen, die letzten Erfindungen, alles geschmackvoll dekoriert. In Terrakottatöpfen blühen bunte Blumen, von Gärtnern liebevoll gepflegt. Futuristische Fassaden, spiegelnde Glasflächen, dazwischen renovierte Jugendstilvillen in Stadtgärten. Kleine Parks und Plätze laden zum Verweilen ein auf grünen Holzbänken, von Springbrunnen glitzernde Wasserfontänen, Vogelsang an Teichen.
Über den gepflegten Belag der Fahrbahnen rollen elegante, pastellfarbene Limousinen, nahezu lautlos. Durch Fachleute programmierte Software regelt und lenkt, alles fließt, gleitet. Selbst ein hohes Verkehrsaufkommen bereitet keinerlei Probleme.
Ich laufe seit Stunden, verzaubert vom Charme dieser Stadt werde ich nicht müde, ihre Wunder zu schauen. Allmählich schiebt sich ein Schleier vor die Sonne, das Licht wird fahler, erst etwas Ocker, dann in ein Violett changierend. Die Bürgersteige werden schmaler, der Verkehr nimmt zu, im Bodenbelag zeigen sich feine Risse, von den Fassaden der grau gewordenen Häuser bröckelt der Putz, in den Rinnsteinen der von Schlaglöchern übersäten Strassen fließt eine ölige Flüssigkeit, aus zerborstenen Waschbetonkübeln hängt verdorrtes Unkraut, der Weg führt zunehmend hinab. Die Dunkelheit nimmt zu, schon ist eine Hälfte des Himmels von sternlosem Schwarz bedeckt. Hinter den dichter werdenden Dunstschleiern wabert kaum sichtbar ein blasser Halbmond, die Straßenbeleuchtung schafft es nicht, durch die Schatten zu dringen. Über ungleichmäßiges Kopfsteinpflaster stolpere ich weiter, durch enge Gassen, in denen sich windschiefe Gemäuer eng drängen, die Luft wird dicker und ein Geruch nach Fäulnis und Verwesung zieht auf, gemischt mit Abgasen und dem Rauch von Schornsteinen, die sich über halb verfallenen Fabriken erheben. Eine farb- und formlose Masse von Menschen zieht mich weiter hinunter, hinein in einen niedrigen Durchlass, abgetretene Treppen führen steil bergab, ein Weg zwischen roh behauenem Gestein führt abwärts, ich finde mich wieder in einer unterirdischen Halle von unermesslichen Ausmaßen.
Ich werde hinein geschoben in eine hin- und herwogende Menge, ich höre einen anschwellenden Gesang: "Töte meinen Dämon! Töte meinen Dämon!"
Flutlichter strahlen auf, blendend, beleuchten eine Figur auf einer Plattform, ein Mann wird sichtbar, gekleidet wie ein gut situierter Geschäftsmann. Ich zähle sieben Strahler, die ihn gleichmäßig ausleuchten, er wirft Schatten zu allen Seiten, um ihn herum sieben Lanzen, in den Boden eingelassen, auf denen Köpfe aufgespießt sind, erschreckte Fratzen in grellem Schein. "Köpfen und pfählen," schreit der Illuminierte, "Köpfen und pfählen!" antworten wir, eng zusammengerückt gegen die Dunkelheit. "Da sind sieben", tönt es, "sieben Dämonen. Feigheit, Faulheit, Aberglaube, Tücke, Unwissenheit und Desinteresse. Der schlimmste aber, das Oberhaupt, ist das absolute Wissen. Befreit euch von euren Dämonen. Köpfen und pfählen"! Ein ohrenbetäubender Schrei gellt auf, ich quäle mich durch die Menge, hinauf, lege ein Gelübde ab, empfange mein Schwert, mein Gewand, die Lanzen.
Ich werde Dämonen jagen.

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