Mittwoch, August 31, 2011

Offener Brief an die Fahrraddiebe Deutschlands



In den letzten vierzig Jahren habt ihr mir mindestens zehn Räder geklaut, ihr Schurken und Halunken. Am 15.8.2011 hat wieder einer von euch zugeschlagen. Am hellichten Tag, vor der Stadtbücherei Duisburg-Mitte. Es gibt einen Zeugen, der den Vorgang wie folgt beschreibt: Ein untersetzter Mann trägt schwitzend mein (vorne und hinten mit guten Schlössern gesichertes, aber dummerweise nirgends angeschlossenes) Rad über die Düsseldorfer Str. Darauf angesprochen, dass es doch normalerweise andersherum sei, antwortet er, er habe den Schlüssel verloren und wirft das Rad in den Kofferaum eines weinroten Audi mit dem Kennzeichen WES UA 419. Die von mir kurz darauf angerufene Polizei hat bis heute leider das ursprüngliche Besitzverhältnis nicht wiederherstellen können.
Eine Freundin, der ich die Geschichte erzählt habe und die ein Fahrrad sucht, rief mich an: Da sei jemand, der Kleinanzeigen schaltet mit angesagten Markenrädern und, kontaktiert, erklärt, dass ebendiese Marken nicht mehr erhältlich seien, dafür aber andere. Wer hat denn privat etliche Räder abzugeben? Ich denke, das läuft wie folgt: im Auftrag klauen mobile Einheiten, liefern ihre Beute bei Hehlern ab, die untereinander die Ware tauschen, so dass die Bikes in anderen Städten verscherbelt werden können. Ein recht risikoarmes Geschäft, das aber, wie jedes andere Geschäft, davon lebt, dass es Kunden gibt. Natürlich ist für jeden von uns ein Schnäppchen eine Verlockung, aber wenn ich eine Ware von jemandem kaufe, der ein Dieb ist, unterstütze ich eine Kultur, die die von mir gekaufte Ware wiederum als potentielles Diebesgut ansieht.
Mein Rad: Hercules Bermuda 27 silber/blau, Damenrahmen, 28", Rahmennummer 14894AC602H, Beschädigung an der linken Lenkermoosgummiummantelung (schönes Wort), chinesische Doppelglocke, frisch aufgezogene Marathon-Plus-Reifen von Schwalbe (ich hatte die Schnauze voll von ständigen Platten wegen der von grenzdebilen Deppen auf Fahrradwegen zerdepperten Bierflaschen, aber das ist eine andere Geschichte), gekauft bei Little John Bikes, Duisburg (empfehlenswerte Firma, Aufkleber).
Für andere mag mein Hercules eine Sache sein, für mich ist es eine Geschichte von Ritten in den Sonnenuntergang, von besuchten Orten, von bezwungenen Anhöhen und beschwingten Abfahrten, es hat eine Seele. Darum verfluche ich hiermit Dieb, Hehler und Käufer: ihr werdet in der Fahrradhölle schmoren.
Mir aber reicht es jetzt! Ich erkläre: Fahrraddiebe, ich kaufe keine Räder mehr für euch. Besorgt sie euch woanders.

1 Kommentar:

  1. Wie ich das hasse, wenn Leute sich Dinge nehmen, die ihnen nicht gehören. Und wie vermutlich in 90% aller Fälle ist der Schaden für die Opfer größer als der finanzielle Genuß für den Dieb.
    Ich habe 10 Jahre in London gewohnt. Welche Leute sich dort ein Auto leisten können - keine Ahnung. Ich konnte jedenfalls froh sein, wenn ich die Miete meines Zimmers in einer heruntergekommenden Gemeinschaftswohnung bezahlen konnte. Nutzvieh hätte man nach unseren Maßstäben unterbringen können, aber keine Menschen. Also während meiner Zeit dort, hatte ich insgesamt acht Fahrräder. Zwei hatte ich verkauft und die anderen sechs wurden mir nacheinander gestohlen. Am Anfang hatte ich das noch bei der Polizei gemeldet, aber nachdem ich endlich verstanden hatte, daß mein gestohlenes Fahrrad sich in der Liste der Proritäten für die Beamten ganz, ganz weit unten befindet, hatte ich die dann folgenden Fälle erst garnicht gemeldet.

    Mit der Zeit habe ich in etwa herausgefunden welches Klientel das so ist, das sich auf das Klauen von allem was nicht niet- und nagelfest ist spezialisiert hat. Es waren Banden von schwarzen Jugendlichen, offensichtlich die Ärmsten der Armen. Eigentlich ging es mit zeitweise auch nicht besser als ihnen, aber das macht für sie keinen Unterschied. Wenn jemand blutend auf der Strasse liegen würde, kämen sie vorbei und hätten nachgeschaut ob es da nicht was brauchbares in den Jacken- und Hosentaschen des besinnungslosen Opfers abzustauben gäbe. Ja, die Armen klauen von den Armen, das ist in London ganz normaler Alltag, von dem die Touristen in den zentralen Zonen verschont bleiben.

    Seit ich wieder in Deutschland wohne, weiß ich vieles mehr zu schätzen, was vorher selbstverständlich war. Wenn der allgemeine Trend jedoch so weitergeht und die sozialen Strukturen mehr und mehr abgebaut werden, dann hätten wir in etwa 10 Jahren die gleichen Verhältnisse, die es heute schon in gewissen Vororten von London gibt. Die Armen klauen alles was nicht mit beiden Händen festgehalten wird (und trotzdem kann es noch zu Gewaltdelikten kommen), nicht von den Wohlhabenden, nein ... die haben hohe Zäune und dicke Autos. Sie klauen von den Ärmsten der Armen. Die Menschen ganz unten werden sich gegenseitig kaputt machen, denn was haben sie schon zu verlieren? Haben Sie auch von den Unruhen in London gehört, vor einigen Wochen? Mich wundern die Ausschreitungen überhauptnicht. Eigentlich passiert sowas dort andauernd, nur diesmal hat es die Presse aufgegriffen. Sie müssen sich vorstellen, daß etwas für unsere Begriffe ganz normales eines Tages als Schlagzeile in der Zeitung steht. Sie versuchen die allgegenwärtige Krimminialität zu ignorieren bzw sie als den Standard zu bezeichnen. Mein Gott, diese Leute haben nicht den kleinesten Schimmer, was eine gesunde Gesellschaft eigentlich bedeutet.

    Also ich fahre auch schon seit ich denken kann leidenschaftlich gerne Fahrrad und habe heute wieder ein neues, obwohl ich ihre Stellung dazu gut verstehen kann.

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