Freitag, November 21, 2008

Lichtlein



Lichtlein

An der Eingangstür hängt ein Adventskranz aus Plastik mit einem umlaufend geschalteten Kreis von bunten Birnchen. Ich zähle mindestens sieben Farben, bevor mir geöffnet wird. Die Türglocke spielt "Jingle Bells", polyphon. Ich stehe vor einer Mischung aus Grinch und Rudolf, dem rotnasigen Rentier. Die Gestalt hält eine Flasche Glühwein in der rechten Hand und ein elektrisches Räuchermännchen in der anderen. Es riecht nach Sandelholz und alter Pisse. "Was iss'n"? lallt die Erscheinung. "Ich komme von der Firma Kalori und möchte die Heizung ablesen", ist meine Antwort. Wortlos macht der Rotgewandete den Weg in die Wohnung frei.
Im Flur stehen zwei Rentiergespanne, umfassend illuminiert. Überall Lametta und blinkende Weihnachtsbäume, aus verschiedenen Zimmern hämmern unterschiedliche Weihnachtslieder. Am lautesten ist Last Christmas. Es riecht nach gebrannten, nein eher nach verbrannten Mandeln und Wunderbäumchen mit Tannenduft, leicht unterlegt von Zimt, Koriander und Billigwein. Die Heizung im Flur ist zu heiß, um sie zu berühren. Ich tausche das Röhrchen und betrete den Stall von Bethlehem. Drei Lebensgrosse Krippen nehmen den größten Teil der Bodenfläche ein, darüber kreisen silberne Engel mit Hörnern und Trompeten. Die Fenster sind komplett behängt und zugestellt mit blinkenden Installationen. Während ich drei Tannenbäume vom Heizkörper entferne, drückt der Hausherr mir eine Tasse mit dem Aufdruck "Weihnachtsmarkt Herne, 1976" in die Hand. "Willsu auch ein'"? Der Boden ist bedeckt mit zerbröselten Lebkuchenherzen und Marzipan. Ich nehme das Gefäß und lasse es unter dem Rock der Maria verschwinden, die mir am nächsten steht.
Im Schlafzimmer liegt ein Paar im Bett und frohlockt, bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet von circa zweihundert Lichterketten. Eine größere Anzahl Räucherkegel macht das Atmen anstrengend, ich schlage mich durch eine Rotte lobpreisender Engel zur Rippe durch, lese ab und wanke in die Küche. Am Tisch sitzen mehrere Hirten vor Bechern voll einer undefinierbaren Flüssigkeit und drei Königsfiguren werfen mit Gold, Myrrhe und Weihrauch um sich. Der Heizkörper befindet sich hinter einer Esels- und Rinderherde.
Das Bad ist besetzt von einer Horde elektrifizierter Heilande, die in unregelmäßigen Abständen "Hosianna" ruft. Ich lasse mir von dem auf dem Klo stöhnenden Hausherrn den Ablesezettel unterschreiben und begebe mich zur nächsten Wohnung auf der Liste.

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