Donnerstag, März 13, 2008

Erich



Samstag abend und nur noch vier Stunden Zeit, das wöchentliche Laufsoll zu erfüllen. Zwanzig Kilometer fehlten, also zog Erich seine Funktionswäsche an und stieg in den Sportboter. Lieber wäre er durch den Park gejoggt, doch war dieser für unverheiratete unter sechzig am Wochenende gesperrt. Er rief das Netz auf und suchte nach einer interessanten Sendung, während er innerlich mit sich haderte. Nie gelang es ihm, das zugestandene Unterhaltungskontingent gleichmäßig über die Woche zu verteilen, so dass ihm jetzt nur noch die Wahl blieb zwischen Weiterbildung, Verkaufsshows und der Dauerübertragung aus dem Europäischen Zentralparlament. Er entschied sich für einen Beitrag über die "Notwendigkeit der Erhöhung der Zusatzsteuer im Kampf gegen das Luftsterben" und begann zu laufen.
Er freute sich auf Mitternacht. Nach der Übertragung seiner Daten an das Amt für Wohlbefinden würde er sich einen Zug an seiner Zigarette genehmigen. Viel war nicht mehr dran, bald würde er sich eine neue besorgen müssen. Das wurde immer schwieriger, die Preise waren in letzter Zeit enorm gestiegen und es gab kaum noch Dealer. Die Kampagne "Gesunder Staat heißt gesunde Bürger" zeigte Wirkung, immer mehr Fitnessbeamte waren unterwegs. Letzte Woche hatte es seinen Kollegen Ralf aus dem Beschäftigungsheim erwischt. Während der Frühschicht, als sie gerade Kugelschreiber für den Export in die zentralasiatische Volksrepublik zusammenschraubten, wurde er abgeholt. Er hätte wohl besser nicht in der Kantine damit geprahlt, dass in seinem Keller noch eine ganze Flasche Bier versteckt war. Nun würde er im Sanitaslager einer Gedankenschulung mit ganzheitlicher Verhaltensneukonfiguration unterzogen werden. Wenn er Glück hatte.
Es gab Gerüchte, dass Vergehen gegen die Missbilligung des Besitzes und der Anwendung von befindlichkeitsmodifizierenden Substanzen mit mehrjährigen Schanzarbeiten an den Außengrenzen der EUGEM (Europäischen Gemeinschaft) geahndet würden. Eine Änderung der Übertragung der Gesundheitsrelevanten Daten von wöchentlich auf täglich war zumindest gewiss. Und das galt als außerordentlich lästig.
Er überlegte, wie er das letzte ihm verbliebene Schwarzgold in offlineeuronen umrubeln könnte, ohne Verdacht zu erregen. Sein Opa hatte ihm einige Kleinmünzen vermacht, unter der Hand natürlich, da der Besitz von Edelmetallen schon lange verboten war. Sein letzter Tscherwonez von 8,6 Gramm hatte immerhin den Wert von neun Millionen Eus, genug, um eine Stange von aus Afghanistan eingeschmuggelter Zigaretten oder zwei Litern isländischen Weines zu erstehen. Seit der Zwangsimplantation von der wirtschaftlichen Gerechtigkeit dienenden RFID-chips, eines jeder wirtschaftlichen Handlung zugrunde liegenden Kontrollsystems, gab es kein frei verfügbares Geld mehr, alle Transaktionen erfolgten online und für jeden einsehbar.
Die Europäische Zentralbank zur Wertbestimmung (EZBWB) legte monatlich die Inflationsrate fest und passte die Entschädigung der Werker an; trotzdem kam es immer wieder zu Äußerungen von Unmut, da die Preise anscheinend schneller stiegen als die Angleichungen.Die mit einem chip versehenen onlineeuronen waren inzwischen fast wertlos.
Gleich morgen würde Erich den Park besuchen, dachte er sich. Vielleicht könnte er einen der letzten Chiplosen finden, seine Münze gegen richtiges Geld tauschen. Geld, dem in einer komplizierten Operation der RFID-chip entfernt worden war und das dadurch echten Wert erhalten hatte.
Und dann würde er sich eine ganze Flasche Bier kaufen.

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