Donnerstag, November 10, 2005

Anthropologie



Der bekannte Anthropologe Antonius Nabatäus von Hardstängl beschreibt in seinem jüngst veröffentlichten Feldforschungsbericht ein nicht neues, jedoch immer mehr zunehmendes Phänomen. Bei seinen in bekannten Duisburger Discotheken nach der Methode der teilnehmenden Beobachtung durchgeführten Studien fand er heraus, daß der Mensch, besonders in der Adoleszenz, durchaus in der Lage ist, komplett ohne Gehirn auszukommen. Einige der von von Hardstängl untersuchten Probanden hatten eine Art Dummy im Schädel, bei anderen war es durch die Rückbildung der ursprünglich vorhandenen Gehirnmasse zu einer kritischen Verdichtung gekommen, bei der sich Anti-Gedanken entwickeln, die im Zusammenprall mit Gedanken eine Kettenreaktion bewirken. Dabei kann es zu so etwas wie einem Unknall kommen, wobei ungeahnte Kräfte freigesetzt werden.
Im Rahmen mehrerer Selbstversuche verbrachte von Hardstängl einige Nächte im direkten Kontakt mit den beobachteten Objekten. Hier ein Ausschnitt aus seinen Notizen:
"Eines Freitags abend befand ich mich auf einer sogenannten "Tanzfläche", wobei ich feststellen mußte, daß kaum an Bewegung zu denken war. Ich fand mich umzingelt von Kaugummikaumaschinen, die, hätten sie sich noch langsamer bewegt, zu Stalgmiten erstarrt wären. Ebenfalls vertreten waren einige sogen. Handtäschchenmädchen, die, im Kreis herumwandernd, gelegentlich ihre Handys hervorkramten, was angesichts der in der einen Hand gehaltenen Zigarette und dem an der anderen Hand montierten Glas einigermaßen kunstvoll schien. Durch eine noch zu untersuchende Gruppendynamik befeuert, gelang es ihnen, ihr Handy hochhaltend, Bilder der "Tanzfläche" zu schießen, welche sie sofort an ihre Freundinnen sandten nebst dem Vermerk "hier tanz ich grade". Die Freundinnen waren allesamt auf der Tanzfläche versammelt.
Faszinierend auch die männlichen hirnlosen. Im Bemühen, ihre wesentlichen Anliegen nicht zu vergessen, hatten sie ihre T-shirts beschriftet: "Suck my dick", "Dressed to kill every desire", "Meine Leber möcht ich nicht haben" usw. Erstaunlicherweise waren diese Individuen sogar in der Lage, an Sprache erinnernde Laute von sich zu geben. So bekam ich von einem, die halbe "Tanzfläche" blockierenden breitbackigen Testosteronriesen auf die Bitte, sich doch davon zu beheben, nach einiger Zeit die Antwort "Tanz doch um mich rum". Da es bereits 4h in der Früh war, hätte die Zeit bis Feierabend nicht mehr dafür gereicht.
Die Versorgung mit Speisen und Getränken gelang diesen Hominiden hervorragend, ausreichend und elegant: "Bull-O", "Vollmachen" und "NurFleisch".
Zusammenfassend glaube ich nicht, daß wir uns um den Standort Deutschland Sorgen machen müssen, wenn auch weitere Forschungsarbeit vonnöten ist. Ich stehe dafür gerne zur Verfügung."

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